An die Deutsche Sprache


Wenn die erste Sprache, die man erlernt, zu einer Sprache der schlechten Erinnerung, des unguten Gefühls und des Leids wird, ist manchmal die einzige Chance, glücklich (was auch immer das heißen mag) weiterzumachen, die Flucht in eine andere Sprache. Im Laufe dieser Entwicklung beginnt man irgendwann, diese neue Sprache wie eine Freundin zu lieben, mit all ihren Besonderheiten und Schwierigkeiten. Sie wird der Raum, in dem sich alle Schwierigkeiten zu etwas Schönem transformieren können. So wurdest Du, deutsche Sprache bereits in jungen Jahren zu meiner Gefährtin, die mir dabei half, einen Platz in dieser Welt zu finden, von dem aus ich alle Krisen (mehr oder weniger gut) meistern lernte. Du halfst mir dabei, zu werden, wer ich bin, auch wenn es für das eigene Sein vermutlich in keiner Sprache dieser Welt einen adäquaten Ausdruck gibt. Aber Du verbindest mich mit allen Menschen, durch die ich Menschlichkeit kennen gelernt habe, distanziertest mich von Trennung, Hass und Krieg in Zeiten, in denen ich davon umgeben war und lehrtest mich das Vertrauen, für das ich das Wort in meiner ersten Sprache bis heute nicht kenne, weil ich es dort niemals gebraucht habe. Du wirst immer die Instanz bleiben, durch die sich der beste Teil von mir definiert. Danke.

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Untitled Fragment


„O, hätte ich doch nie gehandelt! um wie manche Hoffnung wär ich reicher!“

ließ einst Friedrich Hölderlin seinen Hyperion an Bellarmin schreiben und wie oft hatte ich ebendies selbst gedacht! „O, hätte ich doch nie geredet! um wie manche Freundschaft wär ich reicher!“ Doch waren die Freundschaften, die das Aussprechen gewisser Dinge nicht aushielten, tatsächlich Freundschaften? Sagten nicht bereits die Kyniker, die Basis für das wahr Sprechen, das Sprechen der inneren Wahrheit, könne nur die tiefe, von Vertrauen geprägte Freundschaft sein? Im Umkehrschluss hieße dies dann, die Freundschaft, welche das Wahrsprechen nicht aushalte, sei keine wahre Freundschaft. War die Angst vor Worten bereits ein Indiz für das Ende? War man gezwungen, alles auszusprechen, um die Qualität der Interaktion mit dem Anderen zu erkennen? Ich für meinen Teil stehe dem Wahrsprechen mit Unbehagen gegenüber. Direkte Interaktion von Angesicht zu Angesicht war mir von jeher zuwider, stets ängstlich davor, jemand könne mein Gesicht lesen und darin mehr erkennen, als mir lieb war. Und wenn ich jemandem gegenüber wahr gesprochen hatte, malte ich mir insgeheim katastrophale Szenarien aus, die in dem Wunsch gipfelten, dieser Person nie wieder persönlich zu begegnen. Fast noch schlimmer als das Wahrsprechen fand ich die Treffen mit den betreffenden Personen dieser Interaktion. Stets begleitet von einer unterschwelligen Angst vor einem Urteil, hatte ich mich in Zeiten, in denen ich es nicht mehr zurückhalten konnte, stets völlig Fremden anvertraut, die ich mit hoher Wahrscheinlichkeit niemals wieder sehen musste. Diesen bedeutete die Information nichts, sie hatten keinerlei Verwendung dafür, konnten sie ergo nicht gegen mich verwenden. Wollte einer dieser Fremden mich wiedersehen, wurde mir stets mulmig und ich erfand Ausreden, um sie mir möglichst vom Leib zu halten. So entwickelte sich in meinem Leben eine Kultur tiefgründiger, anonymer Gespräche, meist in Lokalitäten voller einsamer Trinker, welche jahrelang die einzige Form der Kommunikation war, zu der ich mich fähig fand.

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Wellen (Teil 1?)


Sie saß in einem Café, ihm gegenüber. Wortlos tranken sie ihren Kaffee. Hin und wieder sah sie ihn an, versuchte herauszufinden, was er dachte. Vor einem halben Jahr, als sie ihn kennengelernt hatte, stellte sich in Momenten wie diesen ein Gefühl ein, eine Stimme in ihrem Kopf, die fragte „Wieso hab ich ihn nur so schnell so gern gewonnen?“, doch heute: nichts. Das war nicht ungewöhnlich für sie, auf Phasen vieler Emotionen folgte bislang zuverlässig immer diese Leere. Wenn sie ihn oder andere, die ihr eigentlich etwas bedeuten sollten, ansah, wenn ein schönes oder ein schlechtes Ereignis eintrat, wenn sie Erfolge oder Misserfolge hatte, das alles sollte normalerweise Gefühle irgendeiner Art hervorrufen. Doch seit ein paar Wochen schon: nichts. Eigentlich war sie daran gewöhnt, die Phasen des „Normalseins“ hielten immer relativ kurz an. Danach kam etwas, das sie selbst als „graue Tage“ bezeichnete. Von jeher hatten die Tage bei ihr immer eine Farbe, je nach Empfindung und Erlebnis, doch wenn sie ehrlich war, überwog Grau schon seit einigen Jahren. Selbst wenn sie in die Zukunft dachte, blitzte kaum etwas anderes durch. Ob sie immer noch die gleichen Ziele habe, wurde sie immer wieder gefragt, doch es war schwer, darauf zu antworten. Die meiste Zeit schien ihr die Zukunft so unmöglich, als sei es etwas, das ihr nie passieren würde, dass sie sich keine Szenarien von sich selbst in späteren Jahren machen konnte. Sie hatte ihr Studium, aber eigentlich war die Wahl deshalb auf dieses Fach gefallen, weil ihr nichts Besseres eingefallen war und weil sie dies vergleichsweise gut konnte. Wenn andere von Familienplanung begannen, überkam sie regelmäßig ein Graus. Wie sollte jemand wie sie denn auch noch für Andere sorgen? Es schien unmöglich… Und nun saß sie hier, vor jemandem, dessen Freundschaft sie sich mal gewünscht hatte, aber auch das schien ein Relikt aus lange vergangenen Tagen zu sein. Wozu? Weil sie die fixe Idee überrannt hatte, ihn zu mögen? Weshalb mochte sie ihn überhaupt? Sie konnte es nicht einmal genau sagen, es war eine Art Intuition gewesen, die sich mittlerweile in Luft aufgelöst hatte. Was er über Freundschaften gesagt hatte, stimmte wohl. Nur dass sie es nie geschafft hatte, sich diesen Kern von lange überdauernden Freundschaften zu schaffen. Alle Menschen in ihrem Leben verschwanden nach ein paar Jahren wieder und sie hatte keine Motivation mehr, Zuneigung zu jemandem aufzubauen. Wozu auch? Am Ende unseres Lebens, da war sie sich sicher, würde jeder Mensch erkennen, dass alles umsonst war. Es gab keinen Sinn, aber auch dieses Streben nach „glücklichen Tagen“ und einer „guten Zeit“ hielt sie für Schwachsinn. Wozu sich etwas vormachen? Wozu sich selbst dem Druck aussetzen, „glücklich“ sein zu müssen? Was bedeutet dies überhaupt? Sie hatte keine Lust mehr auf diesen ganzen verlogenen Humbug. Wenn sie noch einer fragte, warum sie denn nicht einfach glücklich sei, sie habe doch allen Grund dazu, würde sie vermutlich ausrasten und die Person zum Teufel wünschen. Sie stand auf.

„Weißt Du, ich habe versucht, an Dich heranzukommen, aber ehrlich gesagt, weiß ich selbst nicht so genau, wieso eigentlich. Ich habe mir eingebildet, Dich zu mögen, aber ich fühle nichts. Weder für Dich noch für irgendjemand oder etwas anderes. Es hat keinen Zweck, seine Zeit hier zu vergeuden, auch wenn ich nicht weiß, wie „Zeit“ besser angelegt sein soll. Wie auch immer, es hat einfach keinen Zweck. Du hast es von vornherein gewusst, ich habe wie immer etwas länger gebraucht, aber die Nachricht ist angekommen. Ich hoffe, Du findest, was Du suchst und wirst irgendwann das, was sie alle „glücklich“ nennen.“

Ohne ihn anzusehen oder eine Antwort abzuwarten, stand sie auf und ging. Wohin sie gehen sollte, wusste sie zwar nicht, aber sie wollte nur weg von ihm. Sie überlegte, ob sie zu einer Freundin fahren sollte, doch entschied sich dagegen. Egal, bei wem sie war, es lief immer auf das Gleiche hinaus: sie sah ihre Freunde an, sie sah sie lachen, sich unterhalten, Witze reißen und immer hatte sie das Gefühl, als trenne sie irgendwas von ihnen. Als rausche ein lauter, stürzender Wasserfall zwischen ihnen und ihr nieder, der es ihr unmöglich machte, näher an sie heranzukommen, ihren Worten genau zu lauschen, zu verstehen, was sie sagten. Vor kurzem hatte sie sich der Gruppe angeschlossen, als es etwas zu feiern gab, sie stand bei den Anderen, trank Sekt, scherzte mit ihnen und zur gleichen Zeit diesen übermächtigen Wasserfall um sie herum. Je mehr ihre Freunde sagten, desto mehr hatte sie das Gefühl, das Wasser würde sie verschlingen, mitreißen. Vor ihrem inneren Auge trieb sie auf einem Fluss entlang, weg von den Anderen, bis das Rauschen immer lauter und lauter wurde und sie das Gefühl hatte, sich im freien Fall zu befinden, mitgerissen von der Strömung, weg von allem, was ihr angeblich etwas bedeutete. Die Menschen um sie herum standen da, redeten, lachten und sie hatte das Gefühl, in ihrer Mitte zu ertrinken, die Worte wurden undeutlich, die Luft knapp und sie wollte einfach nur raus, allein sein, nicht tun müssen, als gehöre sie irgendwo dazu, als verstünde sie ihre Mitmenschen, als könne sie unter ihnen leben.

Ohne es zu merken, war sie schon die gesamte Innenstadt abgelaufen. Sie wusste nicht, wohin sie wollte, wohin sie jetzt gehen konnte. Zu Hause wartete jemand auf sie, aber sie konnte den Gedanken an Menschen nicht ertragen. Also auch keine Straßenbahn. Sie lief einfach, lief in eine Richtung, die ihr unbekannt war, doch plötzlich fiel ihr das Laufen unheimlich schwer. Es war, als würde sie durch Wasser waten, ein Bein zu heben kostete sie unglaublich viel Kraft und sie konnte kaum atmen. Sie fühlte sich so entsetzlich müde und wünschte sich ein Bett. Sie wollte einfach nur schlafen, in Ruhe gelassen werden und nichts tun müssen. Wieso musste man eigentlich immer etwas tun? Wieso nahm das kein Ende? Aufgabe über Aufgabe und kaum hatte man eine fertig, überrollte einen die nächste. Sollte das wirklich für den Rest ihres Lebens so weitergehen? Leben, einen Beruf ergreifen, für sich und andere sorgen, das alles erschien ihr unmöglich. Sie konnte sich nicht vorstellen, auch nur einen Tag älter zu werden. „Wie machen die alle das?“, schoss ihr durch den Kopf. „Sind die tatsächlich zufrieden mit dem, was sie sind und haben? Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand das sein kann.“ Das Leben stand vor ihr wie etwas unmögliches, etwas, in dem man einfach keinen Platz findet. Schon seit Jahren hatte sie das Gefühl, das Leben ziehe an ihr vorüber, doch mittlerweile bezweifelte sie, dass es ein Leben gab, an dem sie teilnehmen könne. „Leben“ war etwas für die anderen Menschen, für jene, die wussten, wie es ging, die nicht das Gefühl hatten, es könne keinen einzigen weiteren Tag mehr für sie geben. „Die Zukunft“ war etwas, das auch von ihr erwartet wurde, aber sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass das etwas für sie sei. Was sollte sie dort? Was sollte sie hier? Was sollte sie irgendwo? Es ging einfach nicht. Sie saß in einem anderen Café, den Kopf an die Scheibe gelehnt, in Gedanken versunken, und entglitt in den Schlaf.

Kategorien:Short Stories

Wege


Sie saß in der Bahn und sah aus dem Fenster. Draußen neigte sich ein enorm heißer Tag dem Ende zu. Einzelne Wolken erstrahlten rot in der untergehenden Sonne. Der Zug fuhr mit einer für ihren Geschmack viel zu hohen Geschwindigkeit durch die ihr unbekannte Landschaft. Gerne wäre sie etwas langsamer gefahren, um mehr Details ihres Weges wahrzunehmen. Reisen in einer Kutsche mochte beschwerlich sein, doch es erschien ihr in diesem Moment schöner als dieses Durchrauschen, das man in der Bahn erlebte. Vielleicht konnte sie es eines Tages einmal ausprobieren. Doch vorerst war sie mit dem Zug unterwegs. Nach Berlin, was ihr in diesem Moment etwas unisinnig schien, doch man konnte kein Zugticket lösen, ohne einen genauen Zielort anzugeben. Genau das störte sie am Reisen in dieser Zeit: immer musste man ein Ziel haben, aber sie mochte Ziele nicht. Schon als Kind fand sie es immer schön, mit den Eltern in Urlaub zu fahren, aber ankommen, das war etwas, das sie immer mit Unbehagen füllte. Kaum angekommen und ein wenig ausgeruht, wollte sie auch schon wieder weiterfahren. Der Gedanke, zwei Wochen an diesem oder jenem Ort zu bleiben, hatte immer etwas Bedrückendes an sich und sie freute sich deshalb auch immer auf die Heimfahrt. Die Erwachsenen um sie herum deuteten dies immer als „Heimweh“, doch darum ging es keineswegs. Sie vermisste nicht ihr zu Hause (zumal sie nie ganz sicher war, was dieses „zu Hause“ eigentlich sein sollte), sondern den Weg dahin, die Dinge, die es auf diesem zu entdecken gab. Als Kind dachte sie noch, dass sie den „perfekten“ Ort, an dem sie sein wollte, einfach noch nicht gefunden hatte. Heute, gute 20 Jahre später, wusste sie, dass es diesen Ort nicht gab. Es war die Bewegung, vor allem jene, die etwas Verlorenes hatte, nach der sie suchte. So kam es, dass sie oftmals ziellos mit dem Auto oder dem Fahrrad umherfuhr, absichtlich die Karte in ihrer Wohnung „vergaß“ und sich überraschen ließ, was sie auf dem Weg erwartete. Manchmal fuhr sie einfach los, um einen schönen Ort zu suchen, von dem aus man die Sterne und den Mond gut sehen konnte, meist endete dies in einer stundenlangen Fahrt, bei der sie die Gasthäuser zählte, an denen sie vorbeifuhr, und sich überlegte, wer wohl zu solch später Stunde noch darin sitzen konnte.

In der Ferne hörte sie es grollen. Ein Gewitter schien irgendwo aufzuziehen. „Wie schön!“, dachte sie. Regen hatte stets eine beruhigende Wirkung auf ihr Gemüt. Wenn sie nachts einmal mehr nicht in den Schlaf fand, konnte Regen sie stets beruhigen. Auch nun, da sie etwas unruhig wurde, da sie das auf dem Zugticket vorgegebene Ziel bald erreichen würde, hatten die Regentropfen, die nach und nach an der Scheibe hängen blieben, etwas beinahe Meditatives. Sie sah in der Ferne einen Blitz zwischen zwei von der untergehenden Sonne gefärbten Wolkenfetzen und ein Lächeln lag auf ihrem Gesicht. Solche Momente waren es, die sie auf jeder Reise noch zufriedener werden ließen, als sie meist ohnehin schon war. Plötzlich hörte sie die Stimme ihrer Mutter in ihrem Kopf „Du solltest wirklich aufhören mit diesem sinnlosen Umhergefahre. Vor was läufst Du eigentlich weg?“ Stimmte dieser Vorwurf wirklich und sie lief weg? Sie wüsste nicht, vor was. Alles, was sie im Leben hatte straucheln lassen, lag nicht außerhalb, sondern in ihr selbst. Und vor sich selbst kann man nicht weglaufen, egal, wohin man fährt, alle Aspekte der Person reisen mit. Man kann vielleicht vor einem Krieg oder einer akuten Bedrohung weglaufen, aber doch nicht vor sich selbst. Sie wüsste auch nicht, wieso sie das tun sollte. Sie war gern mit sich selbst unterwegs und selbst die etwas merkwürdigen und nicht ganz so tollen Seiten an ihr fand sie eigentlich ganz okay. Natürlich gab es dies und das, was nicht sein müsste, aber es ist das Gesamtpaket, das den Menschen macht und mit dem Gesamtpaket war sie eigentlich- im Gegensatz zu vielen ihrer Mitmenschen- ganz zufrieden. Diese Diktatur des Perfekten hatte sie nie sonderlich interessiert, schon in relativ jungen Jahren war sie zu dem Entschluss gelangt, dass eben das nicht Perfekte der Superlativ war, da die Perfektion meist einem gesellschaftlich vorgegebenem Schema unterliegt und somit an den immergleichen Maßstäben gemessen wird. Sie mochte Maßstäbe nicht. Es kam für sie nicht darauf an, ob man irgendein äußeres Ziel erreichte, sondern dass man das Gegebene zu etwas ganz einzigartig Schönem machte und zwar nicht für andere, sondern für sich selbst. Eben weil man vor allem weglaufen kann außer vor sich selbst.

Es regnete nunmehr ziemlich heftig und sie beschloss, zwei Haltestellen früher auszusteigen und den restlichen Weg zu laufen. Es gab nichts Schöneres als durch ein Sommergewitter zu schlendern. Sie holte ihren Koffer aus der Ablage und lief in Richtung Ausgang. Wie immer hatte sie keine Ahnung, wo sie gleich aussteigen würde und wie sie von dort zu der Wohnung ihrer Freundin kommen würde, doch wie immer war es ihr egal, solange sie auf dem Weg genügend Schönheit würde mitnehmen können. Sie fand sich auf einem menschenleeren Provinzbahnhof wieder und beschloss, in einiger Entfernung den Gleisen zu folgen. Ihr Weg führte sie über eine Wiese an einem kleinen Wald entlang. Sie zog ihre Schuhe aus, schulterte ihren Rucksack und lief los. Es roch nach Sommerregen und das feuchte Gras streichelte ihre Füße. Am Horizont sah sie den Mond aufsteigen, zwischen noch leicht von eben untergegangen Sonne gefärbten Wolkenfetzen. Sie atmete tief ein und lächelte. Wie schön es hier war. Gleich würde es dunkel werden, doch es war Vollmond und sie hatte keine Bedenken, den Rest des Weges zu Fuß zurückzulegen. Ihre Freundin kannte sie nun schon lange genug, um sie nicht zu einer bestimmten Uhrzeit zu erwarten. Sie gehörte zu den Menschen, die sie schon seit einer ganzen Weile auf dem Weg ihres Lebens begleitete. Man trifft natürlich viele Menschen auf dieser Reise ins Nirgendwo, doch nicht alle wandern mit einem. Es gibt jene, die eher eine Bank sind, die einem für eine kleine Weile Ruhe schenken und solche, die einem wie ein Baum Schatten in der Hitze geben und bei denen es sich für einige Momente gut sitzen lässt, die einem gut tun und Kraft für die weitere Strecke geben. Andere wiederum wandern für eine gewisse Strecke neben einem, werden für diese Zeit zu Gefährten, doch meist verschlägt es sie nach einer Weile in eine andere Richtung und sie bleiben als (schöne) Erinnerung in einem Selbst zurück. Ganz selten jedoch findet man jemanden, der auf allen Biegungen und Gabelungen des Lebens den gleichen Weg einschlagen möchte wie man selbst und bis zum Ende mit einem geht. Sie fand es unsinnig, dass einige behaupteten, diese Dinge gleich zu Beginn von einem Menschen wissen zu können, woher sollte man das können? Und welche Rolle spielte es überhaupt? Es kam ihr nicht darauf an, wie lange sie jemanden kannte und sie lange diese Person noch in ihrem Leben bleiben würde, sondern welche sie Bedeutung im Jetzt spielte. Dieses „für immer“ war in ihren Augen unsinnig. Wer braucht „für immer“ wenn er „jetzt“ haben kann? „Leben ist das, was passiert, während man dabei ist, andere Pläne zu machen“, hatte mal irgendjemand gesagt und sie fand, dieser jemand hatte Recht. Ihrer Meinung nach waren viel zu viele Menschen viel zu versteift auf Zukunftspläne, was in einer derart strukturierten Gesellschaft zwar notwendig ist, doch man sollte vor lauter Morgen nicht vergessen, dass es ein Heute gibt.

In solchen Gedanken versunken lief sie immer weiter, zwischen Gleisen und nass duftenden Wald durch den Sommerregen, das immer weiter in die Ferne rückende Gewitter noch im Ohr. Allmählich wurde es Nacht und ihre Füße froren etwas, so nackt auf dem Gras. Sie streifte die Schuhe wieder über und wanderte immer weiter. Ein kleiner Hase kreuzte ihren Weg, sah sie mit erschrockenen Augen an und hoppelte so rasch er konnte zurück in den Wald. Wieder musste sie lächeln. Sie war froh, dieses Jetzt zu haben, in genau diesem Moment. Egal, wohin die Reise sie noch führen würde, sie wusste, dass sie voller Momente wie diesem sein würde und der Gedanke daran erstickte jene Angst, die viele vor dem Unbekannten der Zukunft haben, im Keim. Sie sah die Lichter der Berliner Vorstadt immer größer werden, atmete tief ein und war glücklich.

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Wanderung

August 11, 2011 1 Kommentar

Eine dunkle, graue Morgendämmerung. Ein Zug, der durch eine eigentlich grüne Landschaft fuhr, die an diesem Tag ihr grün verloren hatte. Tropfen liefen die Scheibe entlang. Eine Scheibe, auf der der Kopf einer jungen Frau ruhte, die Stirn gekühlt vom Glas. Irgendwo zwischen Nachdenken und Schlafen. Gedanken irrten hinter dieser Stirn umher. Gedanken, die sie dazu bewegt hatten, in diesen Zug einzusteigen, ohne eigentliches Ziel, einfach nur fahren, einfach nur Bewegung, ohne selbst diese Bewegung zu sein. Sie war müde. Körperlich, ja, nachdem sie zuvor tagelang in verschiedenen Städten umhergewandert war, auf der Suche nach irgendwas, von dem sie nicht einmal wusste, ob es überhaupt existierte. Nein, eigentlich war es keine wirkliche Suche, sie glaubte nicht daran, etwas zu finden und eine Suche impliziert doch immerhin irgendein Ziel einer Art, so unbekannt es sein mag. Sie wusste nur, dass sie sich bewegen musste, dass Stehenbleiben unmöglich war. Innehalten erfüllte sie mit einem tiefen inneren Schrecken, der ihr beinahe die Luft nahm. Sie konnte es nicht erklären, sie fragte sich immer wieder, was das solle, was sie hier tue, wie sie sich denn mitten im Semester absetzen und irgendwohin fahren konnte. Die Vorlesungen, von denen sie die vergangenen zehn Semester nur im äußersten Notfall welche verpasst hatte, waren in vollem Gange, jetzt, zu diesem Zeitpunkt saßen ihre Kommilitonen im Vorlesungssaal und lauschten der angenehmen Stimme der Professorin. Sie hatte diese Vorlesung geliebt, die Professorin hielt auch große Stücke auf sie, ihre Abschlussarbeit wurde mit beinahe euphorischer Vorfreude aufgenommen. Und nun war sie hier, auf dem Weg nach Unbekannt, keine Ahnung, was sie trieb. Sie, die immer all ihre Motive und Handlungen nahezu akribisch analysiert und hinterfragt hatte, saß von einer irrationalen Macht getrieben im Zug und verstand sich selbst nicht mehr. Zweifelte daran, ob sie sich jemals verstanden hatte, oder ob alles, was sie über sich zu wissen geglaubt hatte, nur ein Konstrukt ihrer intellektuellen Selbstüberschätzung war. Hatte sie in ihrer stetigen Selbstanalyse einfach die Dinge unterschlagen, die nicht in ihr Bild passen wollten? Selbst wenn dies der Fall sein sollte, was war jetzt anders? Wieso ausgerechnet jetzt? Ja, sie hatte eine schlechte Nachricht erhalten, doch das lag nun schon über ein Jahr zurück. Seither hatte sie Gelegentlich an Selbstzweifeln gelitten, doch alles in allem war sie mit der Situation gut umgegangen. Hatte sie gedacht, dachten alle, und wurden niemals müde, es zu beteuern. Nun kam ihr das alles wie eine riesengroße Heuchelei vor. Woher sollten die anderen denn wissen, ob sie innerlich gut mit etwas umging oder nicht? In ihrem Inneren passierten schon seit einiger Zeit Dinge, die sie selbst nicht beschreiben, nicht festmachen konnte. Etwas war in Bewegung geraten, nicht sofort, nein, ganz langsam und schleichend. Etwas, für das es keine Worte gab, nicht in der Sprache, der sie mächtig war. Es kam ihr vor wie ein langsamer Erdrutsch, auch wenn die Metapher deutlich hinkte, denn ein Erdrutsch implizierte irgendeine Katastrophe, doch das war es nicht. Die Landschaft in ihr drin veränderte sich, stetig, mit jedem Tag ein bisschen mehr. Wie Salzwasser, das immerzu neue Muster in Küstenfelsen fräst. Langsam, für das bloße Auge unbemerkt, doch im Resultat deutlich sichtbar. Sie wusste nicht, wohin es führen würde, wie diese Muster sich ausbilden, was übrig bleiben würde. Natürlich wusste man das niemals, doch den Prozess deutlich zu spüren und nicht einmal den Hauch einer Ahnung vom Resultat zu haben, war nun doch etwas anderes. Sie hatte doch ein Bild gehabt, von dem Muster, auf das sie hinarbeiten wollte. Natürlich nicht in allen Details, so naiv war sie nicht gewesen, doch es gab es, das Bild. Dieses Bild verschwamm nun immer mehr vor ihrem inneren Auge und es gelang ihr nicht, es zu schärfen, die Konturen deutlich zu machen, vor sich selbst deutlich zu werden. Sie spürte ihren Einfluss entgleiten, fühlte sich ganz benommen, so, als schwebe ihre gesamte Person, das, was sie für ihren Charakter gehalten hatte, als ein immer undeutlicher werdender Schatten in einem Raum, der nichts enthielt. Wenn sie an die Zukunft dachte, war nichts da. Sich selbst mit Abschluss in einem Beruf zu sehen erschien ihr absurd, unwirklich, als etwas, was nicht mehr eintreffen könne. Alles, was blieb, war ein Nebel, ein Nebel, auf den sie unweigerlich zuschritt und der kein Anzeichen enthielt, sich irgendwann zu lichten. Da war es wieder, dieses Gefühl der Beklemmung. Sie lief und lief und sah nicht, wohin. Sie konnte nicht einmal die Schemen der Dinge ausmachen, die sie auf ihrem Weg erwarten würden. Natürlich war ihr bewusst, dass niemand genau sagen könnte, wie die Zukunft für ihn aussehen wird, doch dieses Gefühl, in ein undefiniertes Grau zu schreiten, war etwas anderes. Menschen machten Pläne, ständig und auch wenn diese Pläne anders ausfielen als ursprünglich gedacht, konnte man sie noch modifizieren und hatte den Anhaltspunkt, dass es so oder so weit vom eigentlichen Plan entfernt war. Ihr jedoch waren die Anhaltspunkte, die Eckpfeiler des Lebens der meisten Menschen, abhanden gekommen. So trieb sie nun blind auf einem Gewässer, nicht wissend, was unter, neben oder über ihr lag, hoffend, nicht auf allzu Schlimmes zu stoßen, glimpflich davonzukommen auf dieser Odyssee, von der sie das Gefühl hatte, sie nicht im Geringsten beeinflussen zu können. Wohin soll man Rudern, wenn man weder die Himmelsrichtung noch den Standort kennt?

Der Zug fuhr indes immer weiter, es wurde allmählich heller und zwischen den ganzen Grautönen zeichnete sich langsam hin und wieder ein leichtes Grün ab. Es war irrsinnig, das sagte sie sich immer wieder, doch Umkehren gelang ihr einfach nicht. Wie so oft in den vergangen Wochen betrachtete sie sich von außen, die Art, wie sie dasaß, redete, das, was sie dachte und eine Frage hämmerte immer wieder in ihren Kopf: „Was machst Du da eigentlich?“ Sie fand keine Antwort, es war, als hätte sich ihr Leben selbst in die Hand genommen und sie sei nichts weiter als ein Statist, der auf weitere Anweisungen wartete. Als sie den Namen einer ihr vertrauten Stadt hörte, nahm sie, ähnlich einer Marionette, die an unsichtbaren Fäden hing, ihre Reisetasche von der Ablage und stieg aus. Es regnete und sie zog ihre Regenjacke fest zu und setzte die Kapuze auf. Alles hier war genau wie in ihrer Erinnerung, außer, dass es beim letzten Mal ein wunderschöner, sonniger Tag war, als sie durch diese Gassen wanderte. Sie ließ sich von den umher hetzenden Menschen durch die Fußgängerzone treiben und strandete in einem kleinen Hotel aus dem neunzehnten Jahrhundert, wo sie sich zunächst hinsetzte, um sich einen Kaffee zu bestellen. Als sie sich an dem warmen Getränk gewärmt hatte, beschloss sie, sich ein Zimmer zu nehmen und erst einmal die Nacht hier zu verbringen, auch wenn es ihr nach wie vor widerstrebte, irgendwo zur Ruhe zu kommen. Sie wollte jedoch keinesfalls ihr ganzes Gepäck noch einmal durch irgendeine Stadt schleppen. So ließ sie es sich aufs Zimmer bringen, nahm ihre Handtasche mit dem Nötigsten und ging wieder hinaus. Regen. Unaufhörlich. Sie hatte keine Lust darauf, unter vielen Menschen zu sein und beschloss, in den nahe gelegenen Wald zu gehen. So lief sie wieder. Ihre Beine taten weh und konnten doch keine Pause nehmen. Mechanisch setzte sie einen Schritt nach dem anderen, bis sie am Waldrand angekommen war. Dort war eine kleine Hütte für Wanderer, in der sie sich auszuruhen beschloss. Wieder die Frage: „Was tue ich hier eigentlich, hunderte Kilometer von meiner Wohnung entfernt, mitten im Nichts, total durchnässt und halb erfroren?“ Sie begann wieder, nachzudenken. Über die letzten Tage, Wochen, Monate und wurde sich selbst immer schleierhafter. Ihre Gedanken begannen, falls dies überhaupt noch möglich war, immer unklarer zu werden und das Gefühl, dass es keine Lösungen gab, braute sich wie eine dunkle Wolke in ihrem Inneren auf. Alles schien so unsinnig. Was nun? Wohin? Wie weiter?

Sie beschloss, ins Hotel zurückzukehren und eine heiße Dusche zu nehmen. Mittlerweile war es dunkel geworden und sie wollte nicht in der Nacht alleine durch den Wald laufen. Die Dame an der Rezeption warf ihr einen etwas verwunderten Blick zu, als sie total durchnässt und zitternd im Hotel ankam, sagte aber nichts. So schnell sie konnte, lief sie Treppe hinauf, schloss sich in ihrem Zimmer ein und ließ das lang ersehnte heiße Wasser über ihren Körper strömen. Als sie aus dem Badezimmer kam, bemerkte sie ein Geräusch. Ihr Telefon. Sie hatte vergessen, es auszuschalten. Mehrere Anrufe in Abwesenheit. Und eine Nachricht von einem ihrer liebsten Freunde. Wie erwartet, eine sehr verträumte. Zum ersten Mal seit Tagen huschte ein Lächeln über ihre Lippen. Wieder regte sich etwas in ihr, wieder konnte sie nicht festmachen, was genau es war, doch wieder rief es eine Bewegung in ihr hervor. Hastig packte sie ihre Sachen, lief die Treppe hinunter, bezahlte das Zimmer bei der mittlerweile völlig verdutzten Frau am Empfang und lief hinaus. Gerade rechtzeitig zum letzten Nachtzug erreichte sie den Bahnhof, stieg ein und fuhr  nach Hause. In Etwas, das vielleicht wieder einmal ihr Leben werden würde.

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Begegnung


Es war ein kalter Novembervormittag. Der Nebel hing in den Straßen der Großstadt, die Luft war feucht, ob es wirklicher Regen war, konnte man nicht genau sagen. Menschen mit mürrischen Gesichtern gingen ihren täglichen Verpflichtungen nach, die meisten frierend mit einem heißen Getränk in der Hand. Die Protagonistin dieser Geschichte lief ebenfalls durch die Menge, die sich gehetzt von einem Punkt zum nächsten bewegte. Ich würde nicht sagen, dass ihr Gesichtsausdruck mürrisch war, doch das Wetter passte definitiv zu ihm. Ihre Gesichtszüge waren steif und ihre großen, graublauen Augen strahlten eine gewisse Melancholie aus. Sie hasste neblige Tage wie diesen, nicht, weil sie Nebel nicht mochte, diesem gegenüber war sie eher gleichgültig, sondern weil die Menschen um sie herum an Tagen wie diesem besonders unfreundlich zu werden schienen. Vier Mal wurde sie heute bereits angerempelt, ohne ein Wort der Entschuldigung oder auch nur einen Blick zu empfangen. Das wirkte sich verständlicherweise auch auf ihre Laune an diesem Tag aus. Sie zog die Schlaufe ihres Trenchcoats enger und steuerte auf das Café zu, in dem sie täglich vor der Arbeit ihren Kaffee trank. Heute war sie etwas spät dran, weshalb es auch für sie nur für einen Coffee to go reichte. Der Angestellte des Kaffeehauses kannte sie bereits, seine einzige Frage lautete: „mitnehmen oder hier trinken?“. Sogar seine Laune schien heute überdurchschnittlich schlecht zu sein, obwohl er die Gäste sonst immer mit einem enthusiastischen Lächeln begrüßte. Sie war allerdings ganz froh, dass er dies heute nicht tat, zu viel gute Laune hätte sie jetzt nicht verkraftet. „Zum Mitnehmen, bitte. Und zwar den großen Becher mit doppelter Menge Espresso.“, sagte sie geistesabwesend und sah nach draußen, in die vorbeieilende Menschenmenge und stellte sich die Stadt bei frühlingshaftem Sonnenschein vor.

Der Kaffeeverkäufer riss sie jäh aus ihren Tagträumen. „Ein großer Cappuccino Upgrade zum Mitnehmen!“ Sie nahm den Kaffee, bedankte sich und eilte nach draußen, um die Straßenbahn zu erreichen. Kaum an der Haltestelle angekommen, folgte das nächste Ärgernis des Tages. Auf der Linie 5 kam es wegen eines Unfalls zu Verspätungen und keiner wusste, wann die nächste Bahn kam. Völlig entnervt entschied sie sich, zu laufen, obwohl es eben zu regnen begonnen hatte. Sie wollte auf keinen Fall zu spät zur Arbeit kommen, obwohl das Gefühl nasser Strumpfhosen auf ihrer Skala der ekligen Gefühle ziemlich weit oben stand. So hetzte sie durch die nassglänzenden Straßen, bog um die Ecke und rannte, wie es an so einem Tag sein musste, in einen Mann, dem sie dabei prompt ihren Kaffee überschüttete. „Oh, verdammt, es tut mir sehr leid, ich…“, begann sie, doch als sie hochsah und in seine Augen blickte, stockte sie. Diese Augen. Sie hatte sie schon einmal irgendwo gesehen, doch sie erkannte das Gesicht, in dem sie saßen, nicht wieder. Es war eingefallen, voller Falten, umgeben von bereits leicht ergrauten, schulterlangen, ungekämmten Haaren. Etwas Verwittertes lag über der gesamten Erscheinung des Mannes. Sein grauer Anzug, der bestimmt einmal sehr teuer gewesen sein musste, war verschlissen und staubig. Seine Schuhe lösten sich allmählich von ihren Sohlen und waren voller undefinierbarer Flecken. In seiner Hand hielt er eine Flasche Strohrum, die, ungeachtet der Tatsache, dass es neun Uhr morgens war, nur noch die Hälfte des ursprünglichen Inhalts enthielt. Der Deckel fehlte. „Machen Sie sich keine Gedanken, ein paar Flecken mehr oder weniger machen diesem Anzug auch nichts mehr aus.“, sagte er, und während er sie ansah leuchtete in seinen grünen Augen etwas Tieftrauriges auf. „Ich hoffe, der heiße Kaffee hat sie nicht verbrüht“, stammelte sie, unfähig, etwas anderes zu sagen. Er lächelte. Ein trauriges, abgekämpftes, müdes Lächeln, das nur dem sozialen Protokoll diente und nichts Ehrliches an sich hatte. „Machen Sie sich keine Gedanken, wirklich, es ist schon in Ordnung. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“ Noch ehe sie ein Wort erwidern konnte, war er um die Ecke verschwunden. Sie sah sich noch einmal um und setzte ihren Weg dann fort.

Da es mittlerweile stärker regnete und das Wasser langsam begann, ihr in die Schuhe zu spritzen, entschloss sie sich, an der nächsten Haltestelle doch auf die Bahn zu warten. Ihre Chefin war glücklicherweise nicht allzu streng, es kam ihr nicht darauf an, wie viele Stunden man im Büro saß, solange man die Arbeit rechtzeitig abliefern konnte. Und das hatte sie bislang immer. Doch sie hatte Glück, kaum war sie an der Haltestelle angekommen, bog die Straßenbahn um die Ecke und ließ sie freundlicherweise einsteigen. Nun würde sie doch noch pünktlich erscheinen. Sie atmete tief durch, lief nach ganz hinten, zu den Plätzen, die sie am liebsten hatte, und setzte sich. Gedankenverloren schweifte ihr Blick über die anderen Fahrgäste. Urplötzlich kam ein Bild in ihrem Gedächtnis hoch. Diese Augen! Der Mann von vorhin! Sie hatte ihn vor einem Jahr in der Bahn gesehen! Er trug den selben Anzug, die selben Schuhe, nur waren sie damals neu und glänzend. Er hatte ihr damals mit einer schwarzen, aus Wildleder gefertigten, Aktentasche auf dem Schoß gegenübergesessen und sie angelächelt, als ihr Blick verträumt den seinen traf, um kurz darauf einen Anruf entgegenzunehmen, der definitiv geschäftlich war. Es ging um Bilanzen oder ähnliches. Von solchen Dingen verstand sie nur wenig. Ihr Herz hatte damals ein bisschen geklopft, als er sie angelächelt hatte, weil er ein außerordentlich attraktiver Mann war; dunkelbraunes, gut geschnittenes Haar, hohe Wangenknochen und dann diese unglaublichen, strahlenden grünen Augen. Einen kurzen Moment zweifelte sie daran, ob er wirklich der Mann von vorhin sein konnte, doch je mehr sie darüber nachdachte, desto sicherer wurde sie. Sein Gesicht schien zwar um Jahre gealtert, doch es waren diese Augen. Sie hatten zwar jeglichen Glanz und dieses Strahlen verloren, doch sie waren es. Solche Augen vergisst man nicht. Was war bloß mit ihm geschehen? Wie kann ein Mensch innerhalb eines einzigen Jahres solch eine immense Veränderung durchmachen? Sie fasste einen Entschluss: sie würde nach ihm suchen, hier in dieser Stadt. Sie würde alle Straßen ablaufen, bis sie ihn gefunden hatte. Was sie dann tun wollte? Nun, das war eine gute und schwierige Frage. Sie wusste es nicht. Wusste nicht einmal, ob er überhaupt mit ihr würde reden wollen, wieso sollte er auch? Sie war eine völlig Fremde. Doch aus irgendeinem Grund wusste sie, dass sie ihn wiedersehen musste. Dass sie versuchen musste, herauszufinden, was ihm widerfahren war. Versuchen, dieses Strahlen in seinen so verlorenen Augen wiederzufinden. Seither nimmt sie niemals die Straßenbahn sondern läuft alle Strecken, die sie zurücklegen muss. Auf der Suche nach ihm.

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Türen


Gewidmet D.

 

Ich stehe vor dem Café und warte. Du hast Dich etwas verspätet, die Straßenbahnen fahren wieder einmal nicht so, wie sie sollen. Da kommst Du um die Ecke, auf mich zu. Mit Deinem typischen charmanten, etwas zögerlichen Lächeln auf dem Gesicht. Ich mache zwei Schritte auf Dich zu, nicht ganz sicher, auf welche Art ich Dich begrüßen soll. Dir scheint es genauso zu gehen, Du zögerst kurz, setzt zu einer Umarmung an, ziehst die Arme zurück und umarmst mich dann doch. Wieder einmal verstehe ich Dein Verhalten nicht und wieder einmal freue ich mich über alle Maßen, Dich zu sehen. Wir diskutieren kurz, ob wir wirklich in dieses Café gehen sollen und entscheiden uns dagegen. Während wir durch die drückend heiße Stadt laufen, reden wir über irgendwelche banalen Sachen, die ich kurz darauf vergesse. Der übliche Small-Talk eben. Du bleibst kurz stehen und schlägst das Café auf der anderen Straßenseite vor, weil es abgelegener sei als mitten in der Stadt, und somit schöner. Ich stimme zu. Nachdem wir uns gesetzt und etwas bestellt haben, siehst Du mich an und fragst, wie es mir denn gehe. Ich merke, dass Du es wirklich wissen und nicht die üblichen ausweichenden Antworten hören willst. Viel geht mir durch den Kopf in diesem Moment. Dein Verhalten der letzten Wochen, das so unbeständig ist wie das momentane Wetter, mal freundlich, mal abweisend, mal ignorierst Du mich, mal sagst Du, dass Du Dich darüber freust, mit mir reden zu können. Dann wieder wochenlang kein Wort. Ich fühle mich, als sei eine unsichtbare Tür zwischen uns, die Du geschlossen hieltest, während ich versuchte, sie zu öffnen, dagegen rannte, immer und immer wieder, bis es weh tat. Du hast sie geöffnet, ganz zu Beginn, einen kleinen Spalt für einen kleinen Moment und ich sah ein winziges Stück, ein Mosaiksteinchen Deiner Seele, aufblitzen. Der Anblick hat sich in meinem Gedächtnis festgesetzt, er ist da, sobald ich die Augen schließe. Du scheinst Dir dessen bewusst zu sein, denn seit diesem Moment legst Du dieses ambivalente Verhalten an den Tag. Ich würde Dir gern erzählen, wie es mir geht, was bei mir passiert, wie gern ich Dich habe, doch sobald ich Dich ansehe, weichst Du aus. Nicht mit den Blicken, die bleiben, doch mit dem, was sie aussagen. Sie sind verschlossen, die unsichtbare Tür zwischen uns, von der ich irgendwann einsah, dass ich sie nicht würde öffnen können. So schloss ich meine eigene. Versuchst Du, sie zu öffnen? Deine Fragen sprächen dafür, doch ich bin nicht sicher. Wäre das nicht enorm unsinnig? Zwei Menschen, die sich voreinander verschließen und zur gleichen Zeit versuchen, den jeweils anderen zu öffnen? Ich entschließe mich, dem ein Ende zu setzen, sehe Dich an, will zu einer Antwort ansetzen, da höre ich Worte aus einer längst vergangenen Zeit, die mit Dir absolut nichts zu tun haben und die dennoch in diesem Moment durch meine Gedanken schießen. Worte, die mich anklagen. „Dafür gibt es keine Erklärung. Du bist einfach dumm, anders kann man das nicht begründen.“ Lange ist es her, dass ich sie gehört habe, aus einem Streit heraus, ich wollte dem Urheber damals auch erklären, was in mir vorging. Ich stocke. Ich wollte Dir alles erzählen, was passiert war, was ich fühlte, der Welt und Dir gegenüber, ich wollte es wirklich, wollte meine Tür sperrangelweit aufreißen, doch dann würdest Du mein Mosaik sehen, mit diesen Worten, die ich irgendwie glaubte und ich konnte es nicht. Ich hatte schon Luft geholt, wollte bereits zu einer Erklärung ansetzen, doch die Worte, die mein Gehirn in diesem Moment füllen, bleiben mir im Halse stecken. Du hattest Recht, als Du damals sagtest, dass es Dinge gibt, die man nicht vergessen kann. Ich weiß nun, dass es solche Dinge sind, die auch Dich antreiben, die dazu führen, dass Du Dich so merkwürdig verhältst. Ich lasse Deine Klinke los, gehe hinter meine Tür, versperre sie sorgfältig und setze mich ans andere Ende. „Mir geht es sehr gut“, sage ich. Und lächle.

Kategorien:Short Stories
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